Akustiksegel in einer aufblasbaren Konstruktion für das Architekturzentrum „arc en rêve“ in Bordeaux

Zwei Riesenblasen in den „arc en rêve“-Farben Weiß und Gelb. Jede zweihundertachtundzwanzig Quadratmeter groß und sieben Meter hoch…

Ein Werk von Hans-Walter Müller

Hans-Walter Müller gehörte zu den Ersten, die mit aufblasbaren Konstruktionen arbeiteten, diesen mit Druckluft in Form gehaltenen Blasen aus weichem Kunststoff. Seit den 1960er Jahren hat er bereits mehrere Dutzend solcher Konstruktionen geschaffen: für Theater, Ausstellungen und sogar für eine nur 39 kg schwere Kirche für 200 Personen. Für ihn ist „eine aufblasbare Konstruktion ist nichts anderes als eine raumumschließende Haut, die Innen von Außen trennt, die erscheint und verschwindet und sich manchmal auflöst. In diesem Sinne ist sie ein fantastischer, ungewöhnlicher Spiel-Raum, weit entfernt von einer traditionellen Konstruktion… Mit geringem Energieaufwand lassen sich so gewaltige Gebäude schaffen…“  1

Ein mobiler Ausstellungsraum

Hans-Walter Müller schuf diese Konstruktion 2012 im Auftrag von „arc en rêve“ anlässlich einer Ausstellung zu dem vom Stadtverband Bordeaux veranstalteten Wettbewerb 50 000 logements (50.000 Wohnungen). Im Rahmen dieser Veranstaltung wünschte sich das bordelaiser Architektur-zentrum einen mobile Ausstellungsraum: Leicht, mobil, einfach aufzu-bauen und ausreichend attraktiv, um die Neugierde der Bewohner zu wecken, innerhalb von nur wenigen Stunden auf- und wieder abbaubar, ohne die Standortqualität zu beeinträchtigen. Das Konzept von Hans-Walter Müller erfüllte diese Forderungen geradezu perfekt: nicht allein handelt es sich um einen funktionalen Mehrzweckraum, sondern auch um ein ästhetisches, farbiges, erstaunliches Kunstwerk.

Akustischer Komfort

Da diese aufblasbare Konstruktion aus zwei halbkugelförmigen Kuppeln besteht, ist der Geräuschpegel besonders hoch. Dazu Fabrice Lalanne, der bei Texaa® dieses Projekt betreute: „Solche Formen sind immer sehr schallhart. Manchmal entstehen merkwürdige akustische Effekte: An einer bestimmten Stelle im Raum folgen sie zwar problemlos einer Unterhaltung am entgegengesetzten Ende des Raumes, hören aber kaum ein Wort von dem verstehen, was ihr Nachbar sagt. Diese Phänomene bei der Schallausbreitung sind bereits seit langem bekannt und wurden früher in den Kuppelsälen einiger Hospitäler genutzt, um aus sicherer Entfernung mit ansteckenden Patienten zu sprechen, wobei sich die Schallwellen der Stimmen entlang der Wand übertrugen…“
Was im Rahmen einer Ausstellung kaum stören mag, wird zum Problem sobald die aufblasbare Konstruktion als Veranstaltungsort oder Konferenz-raum genutzt wird… Wie nun dieses Problem lösen? Hier gibt es keine Decke, die man mit Schallabsorbern verkleiden, keine Träger, an denen man großformatige akustische Objekte aufhängen könnte… Zur Brechung der dem Wandverlauf der aufblasbaren Konstruktion folgenden Schall-wellen, wurden verschiedene Objekte aus der Produktreihe Abso aufgestellt (Totems, Kissen, usw.). Im Rahmen einer freundschaftlichen Zusammenarbeit zog Texaa® auch den Akustikfachmann für Veranstaltungsräume, Christian Malcurt, beratend hinzu.

Ebenso mussten auch Mittel und Wege gefunden werden, um das Raumvolumen selbst durch Schallbrecher zu sprengen, aber wie? Schirme? Velum? „Am besten mit dreieckigen Segeln“, entschied Michel Jacques, künstlerischer Leiter von „arc en rêve“. „Damit kann man den Raum frei gestalten, ohne den Gesamteindruck des Volumens zu beeinträchtigen…“ „Diese Objekte wurden maßgefertigt, genau wie unsere Vorhänge“, erklärt Edwige Carnis, Leiterin des Teams für Näherei bei Texaa®. „Jedoch haben wir diesmal einen beidseitig mit Aeria bezogenen Vibrasto 03 verwendet. Am kompliziertesten war für uns das Zusammenfügen der die Segel bildenden zwei oder drei Einzelelemente. Welchen Nahttyp wählen, damit die Naht nicht nur hält, sondern gleichzeitig auch von beiden Seiten gut aussieht? Letztendlich entschieden wir uns für eine Zick-Zack-Naht, dabei wird direkt auf Kante genäht, die Naht trägt nicht auf. Die Eckenverstärkung wiederum bereitete uns kein Kopfzerbrechen, das machen wir ja bei unseren Würfeln Abso nicht anders…“ Im Anschluss an akustische Tests im Labor erfolgte ein erster Test in situ im Inneren der aufblasbaren Konstruktion, um die Zweckmäßigkeit und Haltbarkeit unserer Befestigungen zu testen… und dem erzielten Ergebnis zu „lauschen“… Die Segel wurden zwischen den im Hochfrequenz-Schweißverfahren an der Kunststoffwand der aufblasbaren Konstruktion angebrachten Befestigungspunkten aufgespannt und verzurrt. Hans-Walter Müller beherrscht diese Technik perfekt: „Für meine ersten aufblasbaren Konstruktionen verwendete ich möglichst preiswertes Material, das ich mit Klebeband zusammenklebte. Ich erinnere mich noch genau, dass ich zwei 50 m lange Bahnen rückwärtsgehend zusammenklebte, weil ich so nur die Partie sah, die ich bereits geschafft hatte und nicht die, die noch zu Kleben war. Als ich dann das Ergebnis zeigte, sah ein Teil der Betrachter nur das Klebeband. Das brachte mir den Spitznamen Müller la Rustine” (der Flicken-Müller) ein. Heute klebe ich nicht mehr, sondern arbeite mit Hochfrequenz-Schweißverfahren. Aus mir ist sozusagen Müller le Soudeur (der Schweißer-Müller) geworden!“ Angesichts der Kräfte, die diese Schweißnähte aushalten können, kann man wirklich sagen, dass Herr Müller mit seinen nunmehr fast 80 Jahren ein echter Spezialist ist… Die akustischen Segel schweben regelrecht im Raum, ihre gesch-wungenen Formen harmonieren perfekt mit denen der Halbkuppeln. Farben und Schatten. Einfach und doch effizient: Die verbesserte Akustik ist sofort hör- und spürbar. Man braucht nur vom ersten, mit drei Segeln ausgestatteten Raum in den zweiten, noch nackten Raum hinüberzuwechseln, um den Unterschied sofort zu spüren… Kann dieses improvisierte Experiment in atypischen Räumen sich für konventionellere Raumverhältnisse als wirksam und nützlich erweisen? „Für uns war dieses Abenteuer eher eine Herausforderung“, erklärt uns Fabrice Lalanne. „Die Suche nach akustischen Lösungen in atypischen Raumformen macht auf gewisse Weise auch Spaß: solche Experimente zwingen uns, uns von unseren Denkgewohnheiten zu befreien und bringen uns letztendlich voran.
Und außerdem liebe ich diese aufblasbar Konstruktion!“

1 in. Techniques et architectures nº 304, 1975, pp. 73-74
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